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Buchtip: Irre! Wir behandeln die Falschen.

Lütz, Manfred: Irre! Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen. Eine heitere Seelenkunde. Gütersloher Verlagshaus, 2009.

Der Titel macht neugierig! Ich hatte von Manfred Lütz schon zwei andere Bücher gelesen. Sein scharfsinniger Witz hatte mich sehr angesprochen. So war ich gespannt, was er in seinem neuen Buch vorlegt.

Manfred Lütz ist Psychiater, Psychotherapeut und Theologe. Er ist Chefarzt des Alexandriner-Krankenhauses in Köln, ein Fachkrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie. Im Untertitel überschreibt er sein Buch mit: Eine heitere Seelenkunde. Er nimmt den Leser mit hinein in das Erleben psychisch erkrankter Menschen, mit denen er als Psychiater tagtäglich zu tun hat. Er tut dies mit viel Witz und Humor. Gerade dadurch wirft er ein ungewohntes und überraschendes Licht auf die uns so vertraute Einteilung von „normal“ und „krank“. Bei allem Humor wird auf jeder Seite auch sein tiefer Respekt dem erkrankten Menschen gegenüber spürbar.

Im 2. Kapitel beschäftigt er sich mit den Chancen und Grenzen von medikamentösen und psychotherapeutischen Therapien. Er gibt einen kurzen Überblick über die Geschichte der Psychotherapie und zeigt die Bedeutung der neurobiologischen Forschung für Psychiatrie und Psychotherapie. Als Theologe denkt er dabei immer wieder vertieft über Hintergründe nach, zum Beispiel über Frage der Psychopharmaka im Verhältnis zum Seelenbegriff der christlichen Tradition (74f.) oder wie Diagnosen und Ursachenzuschreibungen Wirklichkeit wahrnehmen und deuten. Im 3. Kapitel stellt er die häufigsten psychischen Störungen anhand von kommentierten Fallbeispielen dar. Der Leser gewinnt dadurch ein plastisches Bild der verschiedenen psychischen Störungen – oder besser gesagt: von Menschen mit diesen psychischen Störungen.

Es gelingt Lütz, auf 180 leicht lesbaren Seiten in einer auch für Laien verständlichen Sprache in das Gebiet von psychischen Störungen, Diagnosen und Therapien einzuführen. Wer einen humorvollen Zugang zu ernsthaften Themen mag, wird das Buch mit Gewinn lesen. Gerade auch für Leute, die in Beratung und Seelsorge tätig sind, ist es sehr empfehlenswert.

Und das erste Kapitel? Da wirft Lütz einen Blick in die Welt der sogenannten Normalen, in der es monströse Bosheit und sinnlosen Blödsinn gibt, die sich nicht in die Begrifflichkeiten der Psychopathologie fassen lassen. So ist dieses Buch nicht nur eine heitere Einführung in die Seelenkunde, sondern auch eine scharfzüngige Gesellschaftsanalyse, die der Normalität einen Spiegel vorhält und zum Denken anregt.

geschrieben von Monika Riwar am 13.07.2010 um 13:58 Uhr.


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